3.03.2011

Liberale besichtigen Stasigefängnis

Das Ministerium für Staatssicherheit sah sich als Schild und Schwert der Partei. Um diese Funktion zu erfüllen, betrieb es unter anderem ein Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, in dem politische Gefangene festgehalten und gefoltert wurden. Auf Mitgliederwunsch besichtigte die LHG Greifswald zusammen mit der LHG Berlin-Brandenburg die heutige Gedenkstätte.

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Einleitend stellte unser Führer sich als ehemaliger Häftling vor und nannte einige interessante Details. Eine Vielzahl von ehemaligen Mitarbeitern des Gefängnisses würde noch in der unmittelbaren Umgebung wohnen. Nach der Wende hätte man sich mit diesen oftmals konfrontiert gesehen. So wurde unter anderem unterstellt, dass die Anlage erst mit dem Fall der DDR gebaut worden sei, um das Ansehen der DDR zu schädigen.

Daneben berichtete er über die Besuchergruppen der Bundestagsabgeordneten. Auf Nachfrage erklärte er, dass von Zeit zu Zeit auch Gruppen von Abgeordneten der Linkspartei kämen, dies jedoch selten wäre. Darüber hinaus habe man in Erfahrung bringen können, dass das Bundespresseamt (welches die Besuchergruppen für die Abgeordneten betreut und deren Veranstaltungen organisiert) auch schon mal von der Linken angehalten werde, bei Stadtrundfahrten das Stasigefängnis auszulassen. Die Krönung sei eine Besuchergruppe gewesen, zu der man vorab die Anweisung erhalten habe, bei der Führung nichts über Verfolgung, Sozialismus und das SED-Regime zu erzählen. Die Gruppe habe man danach wieder fort geschickt.

Nach der Einleitung besichtigten wir zuerst den als “U-Boot” bezeichneten älteren Teil der Anlage. In den frühen 50er Jahren hatte hier viel Betrieb geherrscht. In den langen Betonkorridoren hatte oft das Wasser gestanden, sodass man Gummimatten für die Wärter auslegte, damit sie sich trockenen Fußes durch die Anlage bewegen konnten. Diese Gummimatten durften jedoch nicht von den Häftlingen benutzt werden. Bei der ersten Zelle, die wir besichtigten, handelte es sich um eine Gruppenzelle für bis zu 12 Häftlinge. In kurzen Zeitabständen blickte ein Wärter durch die Öffnung in der Tür und kontrollierte die Häftlinge. Damit er alle auf einmal im Blick hatte, brannte rund um die Uhr das Licht. Inhaftiert wurde man für solch schweren Delikte wie “Sozialdemokratismus” oder Mitgliedschaft zur NS-Zeit in der Hitlerjugend oder dem Bund deutscher Mädel. Dazu kam, dass man nach sowjetischem Recht mit 12 Jahren voll straffähig war, sodass es selbst in dieser Altersklasse zu Folterungen und Hinrichtungen kam.

Verschiedene Methoden der Folter – auch für Kinder ab 12 Jahren

Anschließend wurde uns eine Wasserfolteranlage gezeigt. Diese ließ stetig einen Tropfen auf eine bestimmte Stelle am Kopf des “Delinquenten” fallen. Mit der Zeit kam diesem dies immer lauter vor. Überhaupt war Wasser zu eine beliebte Foltermethode. So gab es noch Räume in denen der Häftling bis zu den Knöcheln im Wasser stand, um dem Körper Wärme zu entziehen. Alternativ zur Wasserfolter gab es noch Stehzellen mit den Maßen 70 x 70 x 180 cm oder Hock-Beuge-Zellen mit dem Maß 70 x 70 x 60. Um die Arbeit zu erleichtern, befanden sich Verhörzimmer oftmals in unmittelbarer Nähe zum Folterraum.

Nachdem wir das “U-Boot” verlassen hatten, besichtigten wir den Innenhof der Anlage, der den Wärtern in ihren Pausen zur Verfügung standen. Aufgrund von Bauarbeiten mussten wir uns mit dem Bild einer Gummizelle begnügen, in die Häftlinge, meist in Zwangsjacke, gesperrt wurden. Im Gebäude selbst, wurde uns die Einweisung ins Stasigefängnis näher erläutert. So wurde kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht und alle mussten sich völlig entblößen. Anschließend wurden die Gefangenen in jeder Körperöffnung kontrolliert, ihnen die Haare sehr kurz geschnitten und anstelle ihres Namens bekamen sie eine Nummer. Ziel war die Demütigung.

Danach besichtigten wir einen weiteren Verwahrungsraum. Die Einrichtung, die wir vorfanden, entsprach den 80er Jahren. Vorher gab es nur das Bett auf dem es verboten war, sich tagsüber niederzulassen. Damit waren die Vorschriften jedoch nicht am Ende: Die Decke musste exakt gefalten werden. Sogar die Schlafhaltung war vorgeschrieben: Auf dem Rücken mit den Armen parallel zum Körper. Wer sie nicht einhielt, wurde geweckt – mitunter so laut, dass auch andere Häftlinge aufwachten. Da der Mensch sich automatisch im Schlaf dreht und eine Kontrolle alle paar Minuten erfolgte, war ein Durchschlafen eher die Seltenheit.

3 Blatt Toilettenpapier am Tag

Auch die Hygiene war strengstens vorgeschrieben. So gab es am Tag nur 3 Blatt Toilettenpapier, Duschen war einmal in der Woche erlaubt, ebenso durfte auch die Unterwäsche nur einmal in der Woche gewechselt werden.

Anschließend ging es in einen Verhörraum. Im Lauf der Zeit war man von der physischen Folter auf die psychische umgestiegen. Wie alles im Stasigefängnis galten auch hier strenge Vorschriften. So hatte der Häftling während des Verhörs (das schon mal die 24 Stunden übersteigen konnte) auf seinen Händen zu sitzen. Jede Form der Gestik war so von vornherein ausgeschlossen.

Nachdem in der Vergangenheit immer wieder Menschen ihre ehemalige IM-Tätigkeit zum Vorwurf gemacht wurde, kam hier eine ganz neue Perspektive auf: Oftmals gingen die Verhöre so lang, bis der Gefangene sich bereiterklärte, eine Verpflichtung als “Inoffizieller Mitarbeiter” zu unterschreiben.

Zum Vorwurf wurde den Häftlingen so ziemlich alles gemacht, das sich finden ließ. Schallplatten oder andere “Westware”, die man bei Hausdurchsuchungen fand, wurde z. B. als Bezahlung von CIA oder BND angesehen. Tatsächlich waren solche Gegenstände aber oftmals von der Westverwandtschaft über die Grenze geschmuggelt worden.

Danach besichtigten wir noch einen Waggon mit dem die Gefangenen zum nächsten Bahnhof transportiert worden waren. Von da aus wurden sie in einem z. B. als Eiswagen getarnten Transporter mitunter über mehrere Stunden und viele Umwege zum Gefängnis gebracht. Dadurch sollte die Orientierung der Häftlinge zerstört werden.

Zum Schluss durften wir noch einmal den Himmel sehen, wie ihn Häftlinge sahen. Ab den 50er Jahren wurde ihnen, natürlich unter strengsten Regeln (Hände auf dem Rücken, eine Armlänge Abstand zur Wand) Tageslicht und Frischluft “gewährt”. Ein ehemaliger Häftling hatte dies mal als “karierten Himmel” bezeichnet. Nur musste er, im Gegensatz zu uns, dann immer noch in den Lauf einer Kalashnikov blicken.

Mit einem mulmigen und gedrückten Gefühl gab es noch das obligatorische Gruppenfoto. Es stellt sich die Frage, was für ein System das sein kann, das auf solche Methoden zurückgreifen muss, das unliebsame Menschen, politisch Andersdenkende oder einfach Freidenker solcher Art fürchtet. Wieso musste der Sozialismus, der von sich selbst beansprucht, das Heil der Menschen zu sein, auf solche Methoden zurückgreifen, damit die Menschen ihm nicht entflohen? Und wieso sitzt die direkte SED-Nachfolgepartei 20 Jahre nach der Wiedervereinigung wieder so massiv in Parlamenten – teilweise mit Abgeordneten, die sich die Stasi zurückwünschen?

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch andere (Jugend-)Organisationen mit ihren Mitgliedern nach Berlin-Hohenschönhausen fahren. Es lohnt sich in jedem Fall.

Alle Fotos findet ihr hier.

Kommentare

Das soll jetzt nicht so provokant sein, wie es wahrscheinlich wirkt, weil ich mich gerne eines Besseren belehren lassen möchte, aber: Welche LINKE-Abgeordneten wünschen sich das MfS zurück?

Hallo Thorben,

gemeint war Frau Christel Wegner, die für die Linkspartei im niedersächsischen Landtag sitzt. Hab es mal kurz gegoogelt und das hier war das erste Ergebnis zu dem Fall: http://bit.ly/awaCw

MfG

Naja, Christel Wegner ist aber auch die Einzige gewesen, die sich das MfS zurück wünschte. Und: Sie saß nur für Die Linke im niedersächsischen Landtag, ist unter der Liste der Linken in den Landtag eingezogen. Selbst ist sie m.W.n. Mitglied der DKP. So weit ich weiß, haben sich auch alle Linken von ihr kurz darauf distanziert.

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