2.05.2011

Bildungsausflug ins Kernkraftwerk Lubmin

Nach Castor und Fukushima wollten wir es genauer wissen – was hat es mit der „Atomenergie“ eigentlich auf sich? Daher lud die LHG Greifswald zu einem Ausflug ins Kernkraftwerk Lubmin ein. Zusammen mit Gästen von der Jungen Union (JU) und dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) machte man sich daher am 15.04.2011 auf zum Standort der Energiewerke Nord GmbH (EWN) in Rubenow.

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Dort angekommen, erhielten wir eingangs einen Vortrag über die EWN, den Rückbau des Kraftwerkes und die Beseitigung von „Atommüll“. Dabei zeigte sich mehrfach deutlich, wie weit technisches Verständnis und politischer Wille oftmals auseinanderklaffen

Auf dem ehemals 420 Hektar großen Grundstück war ursprünglich der Betrieb von 8 Reaktoren geplant gewesen. Heute ist es aufgrund von Verkäufen wesentlich kleiner. Auf der ehemaligen Fläche sollte zwischenzeitlich ein Steinkohlekraftwerk entstehen, mittlerweile sind nur noch mehrere Gaskraftwerke geplant. Hieran zeigte sich die oben angesprochene Differenz zwischen Technikersicht und politischem Willen erstmalig: War das Kohlekraftwerk unter anderem wegen einer eventuellen Erwärmung des Boddens abgelehnt worden, so dürfte die Errichtung der Gaskraftwerke zu einer deutlich höheren Erwärmung führen.

Anschließend erklärte man uns den Sinn eines Zwischenlagers. Im Zwischenlager Nord wird einerseits das Kernkraftwerk Lubmin zurückgebaut. Andererseits werden hier auch Atommüllreste aus anderen Projekten bearbeitet. Rückbau bedeutet nichts anderes als „leerräumen“. Ein Zwischenlager ist deshalb unumgänglich, da die Teile aus dem Kraftwerk zunächst zur weiteren Verarbeitung zwischengelagert und anschließend zur Entsorgung vorbereitet werden müssen. Dieser Rückbau soll voraussichtlich 2015 abgeschlossen sein.

Weiterhin werden hier auch Atommüllreste aus anderen Projekten bearbeitet. Das heißt, die Teile werden zerlegt, dekontaminiert und so zur endgültigen Lagerung vorbereitet. So werden z. B. von Metallteilen die radioaktiven Schichten entfernt. Diese Schichten kommen in den Castor (und später ins Endlager), der Rest ist „Schrott“. Hier zeigte sich ein weiterer Unterschied zwischen dem politischen Willen und der Realität: Viele der zu bearbeitenden Teile müssen für eine gewisse Dauer abklingen. Dies ist zum Schutz der Mitarbeiter und aus naturwissenschaftlichen Gründen unumgänglich. Dazu gehören Stoffe, die 70 Jahre zwischengelagert werden müssen, bevor sie bearbeitet werden können. Daher stieß auch hier der politische Wille von 40 Jahren Lagerdauer auf Unverständnis bei den Technikern.

Oftmals stößt man auch auf die Frage, warum ausgerechnet die Bundesrepublik für die Beseitigung des radioaktiven Mülls zuständig sei. Auch hierauf gab es eine Antwort: 38 % des radioaktiven Mülles gehören dem Bund. Die restlichen 62 % (excl. unumgängliche Rückstände aus Medizin und Forschung) seien auf 17 Kraftwerke verteilt. Hieraus leite sich die Hauptverantwortung des Bundes ab. Dieser kommt dem z. B. in Form der EWN nach, dessen einziger Gesellschafter das Bundesfinanzministerium ist.

In Anbetracht der langen Lagerdauer wurden die Teilnehmer des Vortrages auf die demographische Problematik der EWN hingewiesen: Trotz eines Altersdurchschnittes der Mitarbeiter von 51 Jahren unterliegen die Energiewerke Nord einem Einstellungsstopp (bei derzeit über 900 Mitarbeitern). Zweifelhaft ist aber, wer in Zukunft die Dekontamination übernehmen werde (man beachte die oben angesprochenen 70 Jahre Abklingzeit). Auch dieses Problem gilt es in den kommenden Jahren zu lösen.

Nachdem wir über die Arbeit der EWN aufgeklärt worden waren, erfuhren wir die Abschaltgründe des Kraftwerkes. Dazu gehörte einerseits der fehlende Energiebedarf in den Neuen Bundesländern, andererseits genügte das Kraftwerk den Sicherheitsmaßstäben von 1990 nicht. Auch hier gingen wieder politische und naturwissenschaftliche Wirklichkeit auseinander, diesmal bezogen auf die Pläne der Bundesregierung aus dem letzten Jahr, die Laufzeiten der alten Kernkraftwerke zu verlängern, aber keine neuen zu bauen. Wolle man Kernkraftwerke auf dem neusten Stand der Sicherheit, so müsse man neue bauen, denn durch bloße Umrüstung alter Meiler ließe sich dies nicht erreichen.

Zum Schluss des Vortrags gab es noch eine Erläuterung zum Begriff „Atommüll“. Dieser setze sich aus radioaktiven Reststoffen und radioaktiven Abfällen zusammen. Während die Reststoffe wiederverwertet werden können, handelt es sich bei den Abfällen um Endstoffe. Diese werden nach dem Grad ihrer Radioaktivität, d. h. der Geschwindigkeit des Kernzerfalls, unterschieden. Dabei sei die Strahlung für diese Bewertung zweitrangig, denn diese entstehe erst durch den Zerfall. Dabei wurde noch einmal deutlich gemacht, dass die Abklingzeit stark variiere und für manche Bauteile schon 5 Jahre genügen würden.

Anhand dieser Ausführung wurde zum letzten Mal an diesem Tage ein Unterschied zwischen Vernunft und politischem Willen deutlich, nämlich im Zusammenhang mit Castorblockaden. Während man die Castoren aufgrund ihres strahlenden Inhaltes blockiere, bewirke man nämlich genau das Gegenteil. Anstatt den strahlenden Castor schnellstmöglich ins Zwischenlager zu transportieren, würden die Blockaden dazu führen, dass der Castor auf freiem Feld oder gar in Bahnhöfen zum Stehen komme und dort Passanten verstrahle.

Anschließend erhielten wir eine Führung über das Gelände. Die Bilder dazu findet ihr hier.

Kommentare

[...] der verstärkt programmatischen Ausrichtung begannen wir das Semester mit einem Ausflug ins Kernkraftwerk Lubmin. Hintergrund waren die vorangegangenen Castortransporte, während denen in der politischen [...]

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